Skalitzer Straße 85-86, Berlin Kreuzberg
Alternative Pop
Konzert
Mo 3. September 19:00
Konzert
Bayuk
Support: Little Big Sea

Genre: Alternative Pop

Ein spektakulär brodelndes Indie-Rock-Debütalbum aus Deutschland. Musik, für die grobkörnige Filter oder Unschärfeefekte scheinbar erst erfunden wurden. Doch bei Bayuk ist alles anders. Der Singer/Songwriter mit Wahlheimat Berlin blickt uns auf seinem Albumcover auf einer genreuntypischen Fotografe direkt in die Augen. Helle Farben. Keine Geheimnisse.

Dafür ist seine Musik zuständig. Das Album eröfnet mit einem nebelverhangenen Tricky-Beat. Das Bild des ungeschminkten Mannes vom Cover verschwimmt im Puls des mahlstromartigen Grooves, bevor uns der Sänger Bayuk gegenübertritt, mit geisterhaft schrägen, verfremdeten Vocals. Überhaupt: Sein Debütalbum mit dem achteinhalb Minuten langen EmotionsParforceritt „Phantom Track“ zu beginnen, zeugt schon von unverfrorener Selbstüberzeugung. Wer ist dieser Bayuk?

Geboren 1991, spielt der in Tübingen aufgewachsene Magnus Hesse Cello in klassischen Orchestern und bringt sich mit 14 Jahren das Gitarre- und Klavierspiel bei. Später studiert er Literatur-Kunst- und Filmwissenschaften.

Und flmisch geprägt ist auch seine Musik. Während der Studio-Aufnahmen mit Produzent Tobias Siebert (Klez.e, And The Golden Choir) liefen von morgens bis abends David-Lynch-Filme in Dauerschleife: „Wir entwickelten eine regelrechte Lynch-Obsession. Am Ende hatten wir sein Film-Oeuvre tatsächlich durch. Das war eine interessante Erfahrung, auch unsere Streicher mussten sich das während des Spielens anschauen“, grinst Bayuk.

Das Ergebnis gibt ihm recht: Seine Songs vermählen somnambule Melancholie mit borstigen Sound-Patterns – Pop mit Widerhaken. Wie bei einer Übernachtung im Freien hört man es ständig rascheln, dann herrscht wieder knisternde Stille, Licht fackert umher, fällt hier und dort hin, und plötzlich steht Bayuk wie aus dem Nichts da und leuchtet dir mit seiner Petroleumplampe ins Gesicht. Zusammen mit Siebert bastelte er kleine, faszinierende TrackSinfonien mit der Narkosewirkung eines Radiohead-Refrains. Dass diese opulenten, perfekt sitzenden Arrangements aus Streichern, Xylophonen, Handclaps und Samples alle erst

nachträglich im Siebert-Studio über die zarten Akustikgitarrenskelette der Demos gestülpt wurden, ist nur eines der zahlreichen Rätsel, die Bayuk für uns bereit hält. Einen kleinen VorherNachher-Moment liefert uns lediglich der Anfang von „Haaappiiiiiiiiiiiiinneeeeezz“: Der Song beginnt im Stile einer Home-Recording, bricht nach wenigen Sekunden ab und startet erneut, dieses Mal in Studioqualität.

Zitiert er dort wirklich den Klassiker „Auld Lang Syne“? Woher holt er plötzlich diesen weltumarmenden Hit „Old June“? Bayuk ist Romantiker. Seine Lieder handeln von der Liebe und den Abgründen dahinter. Da geht es schon auch mal um die inneren Dämonen („The Beasts Have Arrived“) oder um Traumbilder und die Frage nach allem Uneingelösten. „Lions In Our Bedroom“ verarbeitet dies in einem sich nach allen Seiten dehnenden Portishead-Blues, der vor allem von den verschiedenen Gesangsstimmen lebt. Und dann besitzt Bayuk auch noch die Chuzpe, seinen Duettpartner im Booklet mit keiner Silbe zu erwähnen. Aber wieso sollte er? Es ist alles nur er gewesen. Wieder ein Bluf.

Bayuk liebt diese Doppelbödigkeiten, ein Einfuss seines Surrealismus-Idols René Magritte. Wie der Belgier auf seinen trickreichen Bildern stattet der frühere Kunststudent auch seine Musik mit zahlreichen Finessen aus, bricht Erwartungshaltungen, indem er stetig neue Pointen ersinnt. Gleichzeitig die Experimentierwut immer schön bis an die Grenzen austesten: Schließlich machte nicht zuletzt dieser Ansatz die Musik von The Notwist oder John Frusciante so großartig, erklärte Vorbilder des Musikers. Zwei Jahre arbeitete er an seinem Debütalbum. Nach Tourneen im Vorprogramm von Me And My Drummer, Klez.e und Maeckes ist Bayuk nun bestens gerüstet für ein neues Abenteuer.

Foto: David Kleinl

Little Big Sea stellen durch ihrer textlichen teils historischen Perspektive einen sehr zeitgenössischen und zugleich eigenwilligen Elektro-Pop-Sound gegenüber: Zwei Jahre lang hat die in Wien lebende Band mit Unterstützung ihres Produzenten Rudi Maier (Burkini Beach) an ihrem neuen Sound getüftelt – und die intensive Suche nach einem neuen Klangspektrum hat sich gelohnt: Die verzerrten Flächen wurden durch luftige, zum Teil rhythmische Bass-Linien ersetzt, die programmierten Beats durch analoge Drums ausgetauscht. Notwists Neon Golden, der fragile Elektro-Sound von Sylvan Esso, Pop-Klassiker von den Kinks bis hin zu französischen Chansons der 60er-Jahre waren Inspirationsquellen für das neue Material. Auf ihrem Debüt-Album Sister (2016, Ink Music) hatten Little Big Sea noch ein großes Faible für schwere Beats und düstere Synth-Flächen. „Dream Pop“ nannte man das und so ganz hat sich das Duo das Träumen nicht abgewöhnt. Die beiden geben sich dabei heute jedoch farbenfroher, vielfältiger und eigenständiger denn je.

Einen besonderen Schwerpunkt legen Little Big Sea nach wie vor auf die Texte: Marlene Weber erzählt persönliche Geschichten. Die Wienerin versetzt die Zuhörer dabei spielerisch an verschiedene Orte und in unterschiedliche Jahrhunderte. Eben noch Zeuge des Brands Roms, befindet man sich kurz darauf im Palast der Zaren in St. Petersburg oder pilgert durch die judäische Wüste, um ans Tote Meer zu gelangen. Die neuen Songs strotzen nur so vor narrativer Kraft – auch das macht die Musik von Little Big Sea zu etwas sehr Besonderen. Ein Album ist für Anfang 2019 geplant.

Örtlicher Veranstalter: Konzertbüro Schoneberg